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Eckhard Bendin

Vom ‚Farbenforum’ zur ‚Sammlung Farbenlehre’

Zur Umwandlung der Tagungs- und Publikationsreihe ‚Dresdner Farbenforum’ in die ‚Sammlung Farbenlehre’ an der Technischen Universität Dresden

Unter den meist fachspezifisch orientierten Universitätssammlungen stellt eine fachübergreifende, multidisziplinäre Sammlung heute eher eine Seltenheit dar. So kann man die derzeit an der Technischen Universität Dresden im Aufbau befindliche Lehr- und Forschungssammlung ‚Farbenlehre’ durchaus als etwas Besonderes ansehen, weil sie im Gegensatz zu anderen Sammlungen eine multidisziplinäre Verbindung von Lehr- und Forschungsinhalten geradezu anstrebt. In diesem Falle liegt es aber wohl auch in der Natur der Sache, denn das uralte Erfahrungs- und Wissensgebiet ‚Farbe’ lässt sich eben nicht in nur einer Disziplin erfassen und behandeln. Kaum ein anderer Gegenstand unserer Wissens- und Lebenswelt weist derartige Komplexität auf. Das liegt vor allem daran, dass Farbe uns durch die enge Bindung an das Licht und die visuelle Wahrnehmung elementar, allgegenwärtig und mannigfaltig erscheint. Die Farbenlehre tangiert fast alle Bereiche des Lebens, der Kultur und Bildung, Technik, Wissenschaft und Kunst.

So verwundert es auch nicht, dass die Sammlungsidee aus einer interdisziplinären Tradition erwachsen ist. Das ‚Dresdner Farbenforum’, die interdisziplinäre Tagungs- und Publikationsreihe am Institut für Grundlagen der Gestaltung und Darstellung der TU Dresden, nahm sich seit seiner Gründung vor 15 Jahren in einer Reihe von Tagungen und Ausstellungen der verschiedensten übergreifenden Themen an und verband unterschiedlichste Fachleute und Interessierte durch Wissensaustausch und persönliche Begegnung. Zum ersten Mal tagte das Forum 1992 im ehemaligen Gästehaus der TU Dresden, im Schloß Gaußig/ b. Bautzen.

Es führte damals Farbwissenschaftler und -gestalter aus Ost und West sowie aus mehreren europäischen Staaten nach 30jähriger Pause erstmals wieder auf einer Tagung im Osten Deutschlands zusammen. Der ersten Begegnung folgten im Zweijahresrhythmus weitere Tagungen, darunter auch in Zusammenarbeit mit der Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft das Symposium 2003 in Großbothen/ b. Leipzig „Zu Bedeutung und Wirkung der Farbenlehre Wilhelm Ostwalds" anlässlich des 150. Geburtstages des sächsischen Nobelpreisträgers und Farbenforschers. In der Publikationsreihe ‚Dresdner Farbenforum’ erschienen bisher sechs Tagungsbände mit 94 Fachbeiträgen von 75 Fachautoren, darunter auch die Dokumentation zum Ostwald-Symposiums 2003 (im Verlag Phänomen Farbe).



Seit 2001 widmete sich das Dresdner Farbenforum zunehmend einem Anliegen, das in der Vergangenheit nur unzureichend dokumentiert und aufgearbeitet worden war, der besonderen Spezifik und Entwicklungsgeschichte der Farbenlehre im Mitteldeutschen Raum. Sie wurde wesentlich von Natur- und Geisteswissenschaftlern, Handwerkern, Unternehmern, Architekten, Künstlern und Pädagogen geprägt. Zu Ihnen zählen allgemein bekannte Namen wie Goethe, Purkinje, Schopenhauer, Fechner, Wundt, Hering und Ostwald oder Runge, Semper, Itten, Kandinsky und Klee. Aber auch der Öffentlichkeit heute weniger bekannte Persönlichkeiten trugen Wesentliches dazu bei, dass sich der Mitteldeutsche Raum mit fortschreitender Industrialisierung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wie wohl keine andere Region in Europa zu einem besonderen Schmelztiegel der modernen Farbenlehre entwickelte. Zu ihnen zählen Chemiker wie Möhlau, Krais, Ristenpart und König, Physiker wie Luther, Klughardt, Richter und Buchwald, Mineralogen wie Goldschmidt und Rösch, Physiologen und Psychologen wie Kirschmann, Bühler, Matthaei oder Frieling, Mathematiker und Lehrer wie Adam, Architekten wie Schumacher und Taut, Handwerker und Unternehmer wie Baumann, Prase und der Drucktechniker Hickethier sowie Künstler wie die ‚Brücke’-Maler Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff oder die Bauhauspädagogen Scheper und Albers. Zusätzliche Infos zur 'Sammlung Farbenlehre' > Download PDF 4,85 MB

In einer ersten Ausstellung ‚Schnittstelle Farbe’ wurden 2001 den Tagungsteilnehmern querschnittartig dazu Inhalte, Zusammenhänge und Entwicklungslinien anschaulich gemacht sowie bedeutende Persönlichkeiten vorgestellt, deren Leben und Werk eng mit der Farbenlehre im Mitteldeutschen Raum in Beziehung standen. Dem gleichen Anliegen widmete sich 2001 auch das Themenheft ‚Licht und Farbe’ der Wissenschaftlichen Zeitschrift der TU Dresden unter Mitwirkung des Dresdner Farbenforums. Hinzu kam, dass anstehende Jubiläen Anlass gaben zu besonderer Würdigung und Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk einiger Persönlichkeiten: Manfred Adams 100. Geburtstag 2001/ Wilhelm Ostwalds 150. Geburtstag 2003/ Manfred Richters 100. Geburtstag 2005 sowie Otto Prases 50. Todestag 2006.

Die erweiterte Ausstellung ‚Schnittstelle Farbe’ 2003 im Hörsaalzentrum der TU Dresden anlässlich des 175jährigen Bestehens der Technischen Universität Dresden sowie die Ausstellung ‚Resonanzen – Farbe als System’ zum 150. Geburtstag von Wilhelm Ostwald im gleichen Jahr in der Rathausgalerie zu Grimma waren schließlich die Initialzündungen für die Gründung einer entsprechenden Sammlung, in der jene Anliegen unter Einbindung in das Sammlungskonzept der Kustodie der Universität komplex bewahrt und weiterverfolgt werden konnten.



(Nach einer Grundsatzentscheidung der Kustodie im Oktober 2004 widmete sich das Farbenforum 2005 ganz dem Anliegen einer ‚Sammlung Farbe’ und stellte ein erstes Entwicklungskonzept vor. In die Diskussion wurden auch Sammlungsexperten, wie Dr. Cornelia Weber (Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik an der Humboldt-Universität Berlin) oder Prof. Dr. Robert Fuchs (Inst. f. Restaurierung u. Konservierung an der FHS Köln) einbezogen.

Die neue Sammlung sieht ihre wesentliche Aufgabe darin, Zeit-, Sach- und Personenzeugnisse historischer Entwicklungen auf dem multidisziplinären Gebiet der Farbenlehre in Wissenschaft, Bildung, Kultur und Kunst im Mitteldeutschen Raum zu bewahren und zu Lehr- und Forschungszwecken zusammenzuführen. Sie setzt dabei Schwerpunkte in der Dokumentation und wissenschaftlichen Aufarbeitung von Leistungen, Ereignissen und übergreifenden Zusammenhängen.

Die neue Sammlung soll dadurch auch zum Bindeglied werden zwischen den beiden zum Komplex ‚Licht und Farbe‘ an der Dresdner Universität bereits existierenden fachspezifischen Sammlungen, der bedeutenden ‚Historischen Farbstoffsammlung’ mit über 8000 Farbstoffproben am Institut für Organische Chemie sowie der ‚Hermann-Krone-Sammlung’ zu den Anfängen der Photographie am Institut für Angewandte Photophysik (vormals ‚Wissenschaftlich-Photographisches Institut / WPI). Einen künftigen Schwerpunkt der Sammlung werden auch Ergebnisse aktueller Forschung u. Lehre bilden, neue natur-, sozial- u. geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen sowie technische Innovationen, wie gegenwärtig z. B. die Entwicklung organischer Leuchtdioden (OLEDs).

Neben einem Archiv mit wertvollen Dokumenten und Fachliteratur wird die Sammlung insbesondere didaktische, künstlerische u. wissenschaftliche Studien beinthalten (Studiensammlung), Muster und Lehrmittel sowie Ausstellungsgut (Anschauungstafeln u. -modelle), darunter neben universitätseigenem Material auch Zugänge durch Schenkungen und Leihgaben. Unterstützung erhielt die Sammlung inzwischen z.B. von der Deutschen farbwissenschaftlichen Gesellschaft (DfwG), der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Berlin (BAM) sowie zahlreichen Privatpersonen, die der Sammlung Bestände aus ihrem Besitz, nicht selten bisher ungenutzten wissenschaftlichen und künstlerischen Nachlässen, übergaben. Es ist vorgesehen, die Sammlung in den kommenden Jahren schrittweise zu ergänzen und der Öffentlichkeit in geeigneter Form zugänglich zu machen.

Einen ersten Einblick in Schwerpunkte der neuen Sammlung vermittelte unlängst bereits die Ausstellung ‚Schnittstelle Farbe II’ mit zahlreichem Sammlungsgut in Anschauungstafeln und Vitrinen anlässlich der beiden Jahrestagungen der Deutschen farbwissenschaftlichen Gesellschaft (DfwG) bzw. des Deutschen Farbenzentrums (DFZ) im September 2006 in den Universitätssammlungen Kunst + Technik der TU Dresden.

Seit November vergangenen Jahres wird auch an einem Medienprojekt gearbeitet, welches das Einbinden von Inhalten der ‚Sammlung Farbenlehre’ in eine eLearning - Plattform für Lehrende und Studierende an sächsischen Universitäten ermöglichen soll. Voraussichtlich ab Juni 2007 werden auf jener Internetplattform dann auch bestimmte Informationen zum bisherigen ‚Dresdner Farbenforum’ weitergeführt, die man zwischenzeitlich aber auch noch auf der bisherigen Homepage des Farbenforums finden kann (DFF-Archiv und Aktuelles).

Somit wird die neue ‚Sammlung Farbenlehre’ an der Technischen Universität Dresden fortschreitend sich als aktuelles Ergebnis einer Metamorphose zeigen, die eigentlich bereits mit Gründung der interdisziplinären Tagungs- und Publikationsreihe ‚Dresdner Farbenforums’ vor 15 Jahren einsetzte und von Tagung zu Tagung bzw. Ausstellung zu Ausstellung neue Impulse erhielt.

An dieser Stelle sei nun all Jenen Dank gesagt, die in der Vergangenheit unser Forum mit Sympathie begleitet und mit Wort und Tat unterstützt haben. Dazu gehört auch der Verlag Phänomen Farbe, der aufgeschlossen und gern Neues aus Dresden berichtet und unsere Projekte weitgehend auch mit seiner Internetplattform ‚colour europe’ unterstützt hat.

Auch für die Zukunft sind Alle eingeladen, das neue Anliegen nach Kräften zu befördern. Wer dazu beitragen kann, eines der spannendsten Kapitel menschlicher Erfahrung zu bewahren und bewusster zu machen, ist als Partner der neuen ‚Sammlung Farbenlehre’ in Dresden willkommen.

Ich bin überzeugt, dass die Farbenlehre als Disziplin übergreifenden Denkens helfen kann, wieder Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Wirklichkeiten der Lebenswelt, Wissenschaft und Kunst. In einer von Spezialisten geprägten Informationsgesellschaft wird dies umso dringlicher, je deutlicher uns die Grenzen separierten Denkens offenbar werden.

Dresden, Januar 2007

Kontakt:
  • Privatdozent Eckhard Bendin / Sammlungsbeauftragter der ‚Sammlung Farbenlehre’
  • Technischen Universität Dresden, Fakultät Architektur
  • Institut für Grundlagen der Gestaltung und Darstellung
  • 01062 Dresden